Zum Inhalt springen
◉ 53°33′N · 09°59′O13.V.1939 — 17.VI.1939

Nach Daniel Kehlmann · Stück 2018 · Roman 2019

DieReise———— der ————Verlorenen

Hamburg → Havanna → Florida → Antwerpen. Ein Schiff, das nirgendwo anlegen durfte. Sechs Stationen, scrollend erzählt.

Vorwort

Eine wahre Geschichte, doppelt erzählt.

Im Mai 1939 verliess das HAPAG-Schiff MS St. Louis Hamburg mit über 900 jüdischen Flüchtlingen an Bord. Sie hatten gültige Papiere für Kuba, sie hatten gezahlt, sie hatten alles getan, was ein Mensch tun kann, um sich zu retten. Daniel Kehlmann hat ihre Geschichte zunächst als Theaterstück geschrieben — uraufgeführt am 6. September 2018 im Theater in der Josefstadt in Wien, Regie Janus Kica. Im November 2019 erschien der Text als Buch im Rowohlt Verlag, Hamburg. Beides geht zurück auf das 1974 erschienene Sachbuch The Voyage of the Damned von Gordon Thomas und Max Morgan-Witts. Wir folgen beiden Spuren: dem Text und dem historischen Faktum, das ihn trägt.

Die Reise

Sechs Stationen

  1. Station I · 53°33′ N · 9°59′ O

    Hamburg

    13. Mai 1939

    Sie hatten Pässe. Sie hatten Visa. Sie hatten gezahlt. Sie wussten nicht, dass nichts davon zählte.

    Bei Sonnenuntergang löst sich die St. Louis vom Pier an der Überseebrücke. Mehr als 900 jüdische Passagiere — viele mit Konzentrationslager-Stempel im Pass. An Bord ein Bordkapelle, ein Lehrer, ein Arzt. Vor dem Bug der Atlantik. Hinter dem Heck das Deutsche Reich.

    Historischer Beleg

    Die Hamburg-Amerika-Linie verkauft den Passagieren Rückfahrkarten — das Reich verlangt sie als Beweis, dass sie zurückkommen würden. Niemand an Bord glaubt, dass er sie braucht.
    Die MS St. Louis bei Auslaufen
    Die MS St. Louis bei Auslaufen
  2. Station II · 40° N · 040° W

    Atlantik

    14.–26. Mai 1939

    Auf See sind sie weder hier noch dort. Auf See sind sie für einen kurzen Augenblick frei.

    Vierzehn Tage auf dem Atlantik. Die Passagiere versuchen, ein Stück Normalität zu bewahren und hoffen auf ein neues Leben in Kuba. Kapitän Gustav Schröder behandelt sie als zahlende Gäste und schützt sie vor Schikanen. Gleichzeitig wächst die Unsicherheit: Niemand an Bord weiss, dass die kubanische Regierung die Einreisepapiere bereits für ungültig erklärt hat.

    Historischer Beleg

    Gustav Schröder, kein Parteimitglied, ordnet an, dass die Passagiere wie zahlende Gäste behandelt werden. Er weiss bereits in Hamburg, dass die kubanische Regierung die Visa für ungültig erklärt hat. Er sagt es niemandem.
    Passagiere am Schiffsdeck blicken aufs Meer
    Passagiere am Schiffsdeck blicken aufs Meer
  3. Station III · 23°08′ N · 82°22′ W

    Havanna

    27. Mai 1939

    Sie sehen die Stadt. Sie sehen die Palmen. Sie dürfen nicht an Land.

    Die St. Louis liegt im Hafen, hundert Meter von Kuba entfernt. Verwandte rudern mit kleinen Booten heran und rufen Namen über das Wasser. Nach sechs Tagen Verhandlung lässt Präsident Federico Laredo Brú nur 29 Passagiere von Bord. Die Visa der übrigen 908 sind annulliert.

    Historischer Beleg

    Kuba hatte das Dekret 937 unterschrieben — wenige Tage vor der Abfahrt der St. Louis. Es erklärte alle bereits ausgestellten Landungspermits für ungültig. Wer an Bord war, wusste es nicht.
    Hafen von Havanna 1939
    Hafen von Havanna 1939
  4. Station IV · 25°46′ N · 80°11′ W

    Vor Florida

    2.–6. Juni 1939

    Die Lichter von Miami sind so nah, dass man sie zählen kann. Aber niemand zählt mehr.

    Die St. Louis fährt der amerikanischen Küste entlang. Schröder telegrafiert an Präsident Roosevelt. Roosevelt antwortet nicht. Das State Department verweist auf das Quotensystem von 1924. Ein Küstenwachschiff begleitet die St. Louis — nicht zur Hilfe, sondern damit niemand zu schwimmen versucht.

    Historischer Beleg

    Die jährliche deutsche Einwanderungsquote für 1939 war bereits ausgeschöpft. 900 Menschen mehr aufzunehmen hätte einer Geste bedurft, nicht eines Gesetzes. Roosevelt entschied sich gegen die Geste.
    Die St. Louis nachts vor der Küste Miamis
    Die St. Louis nachts vor der Küste Miamis
  5. Station V · Kurs Ost · 45°N

    Atlantik · Rückfahrt

    7.–16. Juni 1939

    Er hat geschworen, das Schiff nicht zurückzubringen. Jetzt muss er es halten.

    Auf der Rückfahrt erwägt Schröder als letzte Möglichkeit, das Schiff vor der britischen Küste auf Grund zu setzen, um eine Rückkehr nach Deutschland zu verhindern. Hilferufe gehen per Telegramm an Hilfsorganisationen — der Schiffsarzt Dr. Fritz Spanier schickt parallel ein Telegramm an Morris Troper vom Joint Distribution Committee. Ein Passagierausschuss teilt Brandwachen ein, falls jemand das Schiff anzünden will.

    Historischer Beleg

    Schröder hat seinen Plan, das Schiff auf Grund zu setzen, nie öffentlich gefunkt — er hielt ihn als letzte Drohung zurück. Verhandelt wurde per Telegramm zwischen JDC, britischer Regierung und HAPAG. Vier Länder (Grossbritannien, Frankreich, Belgien, Niederlande) sagen schliesslich Aufnahme zu.
    Telegramm Dr. Fritz Spanier an Morris Troper · JDC, Juni 1939
    Telegramm Dr. Fritz Spanier an Morris Troper · JDC, Juni 1939
  6. Station VI · 51°13′ N · 4°25′ O

    Antwerpen

    17. Juni 1939

    Sie hatten überlebt. Vorerst.

    Die St. Louis legt in Antwerpen an. 288 Passagiere reisen weiter nach Grossbritannien — sie werden überleben. 619 bleiben auf dem Kontinent. Vierzehn Monate später überrennt die Wehrmacht Belgien, die Niederlande und Frankreich.

    Historischer Beleg

    Von den 937 ursprünglichen Passagieren werden 254 zwischen 1940 und 1945 in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten ermordet. Die Reise endete in Antwerpen. Die Verfolgung endete nicht.
    Die MS St. Louis im Hafen von Antwerpen, 17. Juni 1939
    Die MS St. Louis im Hafen von Antwerpen, 17. Juni 1939

Zwei Männer · ein Schiff

Schröder & Schiendick

An Bord der St. Louis stehen sich zwei Haltungen gegenüber, die in den späten 1930er-Jahren in jedem deutschen Betrieb, in jeder Behörde, an jedem Schreibtisch zu finden waren: der Anständige, der seine Pflicht über den Befehl stellt — und der willige Vollstrecker, der seine Pflicht im Befehl findet.

Porträt-Silhouette Kapitän Gustav Schröder

Kapitän · HAPAG

Gustav Schröder

1885 – 1959 · kein Parteimitglied

Schröder ist ein stiller, pflichtbewusster Seemann — kein Held der grossen Worte, sondern jemand, der im Kleinen Haltung zeigt. Er ist nie der NSDAP beigetreten und hält bewusst Distanz zum Regime: Den Hitlergruss verweigert er, wo er kann, oder deutet ihn nur zögerlich an. An Bord stellt er sich offen gegen den Gestapo-Mann Otto Schiendick, der die Passagiere schikanieren will — Schröder lässt die jüdischen Gäste mit Respekt behandeln, gestattet Gottesdienste und duldet keine antisemitischen Übergriffe seiner Mannschaft. Damit stellt er sich nicht nur gegen Schiendick, sondern indirekt gegen Hitler und die NSDAP. Bis zuletzt kämpft er per Telegramm um eine Aufnahme seiner 937 Passagiere — und ist bereit, das Schiff vor der englischen Küste auf Grund zu setzen, um eine Rückkehr nach Hamburg zu verhindern.

„Lieber das Schiff vor England auf Grund setzen, als es nach Hamburg zurückbringen.“

1993 posthum als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt.

Zahlmeister · NSDAP

Otto Schiendick

Kurier des SD · Spionageabwehr

Schiendick steht für die andere Seite: der korrekte Beamte, der seine Aufgabe kennt. Für ihn ist die St. Louis kein Rettungsschiff, sondern ein Auftrag. Er schmuggelt Mikrofilme für die deutsche Spionageabwehr, denunziert Passagiere, registriert jeden Verstoss gegen die Bordordnung. Bei Kehlmann bleibt seine Stimme bis zum Schluss kalt und zuversichtlich — ein Mensch, dem das Regime alles gibt, was er braucht, um sich für anständig zu halten.

„Er hatte seine Arbeit gemacht. Das war alles, was zählte.“

Schiendick ist keine Ausnahme. Er ist der statistische Durchschnitt. Hunderttausende deutsche Angestellte, Schaffner, Buchhalter, Polizisten und Beamte taten in diesen Jahren ihre Arbeit — und genau dadurch wurde der Massenmord überhaupt erst möglich.

Kehlmann stellt die beiden nebeneinander, ohne zu kommentieren. Das ist die schärfste Form der Anklage: die Wahl, die jeder Mensch jeden Tag treffen kann — und damals so selten getroffen wurde.

Weiter

Drei Motive, ein historischer Boden, viele Stimmen.

Die folgenden Seiten vertiefen, was das Logbuch nur anreisst: die Motive der Erzählung, die historischen Bedingungen ihres Stoffes und die Passagiere als Personen.