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Was vor und nach dem Roman geschah

Historischer
Kontext

Die Fahrt der St. Louis ist kein Einzelfall, sondern die logische Konsequenz einer internationalen Politik, die sich seit 1933 schweigend eingerichtet hatte.

Zeitleiste

1933 — 1945

  1. 1933

    Machtübernahme

    Adolf Hitler wird Reichskanzler. Innerhalb weniger Monate folgen Berufsverbote, das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“, die ersten Boykottaufrufe. Jüdische Familien beginnen zu emigrieren — solange das noch möglich ist.

  2. 1935

    Nürnberger Gesetze

    Mit dem „Reichsbürgergesetz“ und dem „Blutschutzgesetz“ verlieren Juden die deutsche Staatsbürgerschaft. Sie sind formal staatenlos im eigenen Land.

  3. Juli 1938

    Évian-Konferenz

    32 Staaten versammeln sich auf Einladung Roosevelts am Genfersee, um über die jüdische Flüchtlingsfrage zu beraten. Ausser der Dominikanischen Republik bietet niemand zusätzliche Aufnahmequoten an. Die Konferenz endet ohne Ergebnis — und liefert dem NS-Regime den propagandistischen Beweis, dass niemand die Juden will.

  4. 9. November 1938

    Reichspogromnacht

    Synagogen brennen, jüdische Geschäfte werden zerstört, etwa 30 000 jüdische Männer in Konzentrationslager verschleppt. Wer Visa besitzt, kann freikommen. Die Auswanderung wird zur Überlebensfrage.

  5. Mai 1939

    Dekret 937

    Wenige Tage vor Auslaufen der St. Louis erklärt die kubanische Regierung unter Federico Laredo Brú die bereits ausgestellten Landungspermits für ungültig. Die Passagiere wissen es nicht, als sie in Hamburg an Bord gehen.

  6. 13. Mai – 17. Juni 1939

    Die Fahrt der St. Louis

    Hamburg → Havanna → vor Miami → Antwerpen. Kein Hafen lässt sie an Land, bis Grossbritannien, Frankreich, Belgien und die Niederlande einen Verteilungsplan zusagen.

  7. 1940

    Westfeldzug

    Die Wehrmacht überrennt Belgien, die Niederlande und Frankreich. Die Passagiere, die in diesen Ländern Schutz gesucht hatten, sind erneut in Reichweite der Verfolgung.

  8. 1942–1945

    Vernichtung

    254 der ursprünglich 937 Passagiere werden in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten ermordet — vor allem in Auschwitz und Sobibor.

Die Rolle Roosevelts

Schweigen aus Wahlkalkül

US-Präsident Roosevelt antwortete auf Schröders Telegramm nicht. Die jährliche deutsche Einwanderungsquote war ausgeschöpft, eine Sondergenehmigung politisch riskant: Antisemitische Stimmungen waren in Teilen der US-Bevölkerung verbreitet, ein Wahljahr stand bevor. Die Entscheidung war keine juristische, sondern eine innenpolitische.

Gustav Schröder

Der Kapitän

Schröder, kein NSDAP-Mitglied, behandelte die Passagiere als Gäste. Auf der Rückfahrt drohte er, das Schiff vor England auf Grund zu setzen, um seine Passagiere nicht ausliefern zu müssen. 1993 wurde er von Yad Vashem postum als Gerechter unter den Völkern geehrt.

Évian 1938

Die folgenreiche Konferenz

32 Staaten — und kein einziger Beschluss zur Aufnahme. Goebbels' Tagebuch vermerkte triumphierend: „Niemand will sie haben.“ Die Évian-Konferenz war das diplomatische Vorzimmer der Shoa: Sie machte den Tätern bewusst, dass die Welt zusehen würde.

Nachleben

Was aus den 937 wurde

288 Passagiere kamen nach Grossbritannien — sie überlebten fast alle. Die übrigen 619 verteilten sich auf Frankreich, Belgien und die Niederlande. Nach dem deutschen Westfeldzug 1940 wurden 254 von ihnen verhaftet, deportiert und ermordet. Die Reise endete 1939. Die Verfolgung nicht.