Deutung
Was meint Schiendick?
Am Ende des Stücks bleibt Otto Schiendick allein auf der Bühne — der einzige Nationalsozialist unter den Toten. Alle anderen sind „abgegangen“: ermordet, gestorben, überlebt. Schiendick spricht weiter, als wäre nichts passiert. Er behauptet, im Tod seien jetzt alle gleich — Täter und Opfer, die Guten und die Schurken, sie alle „friedlich zur Ruhe gebettet, als Fussnote in den Geschichtsbüchern“.
Was Schiendick hier macht, ist die wohl perfideste Geste des Stücks: er versucht, sich freizusprechen, indem er den Unterschied einebnet. Wenn am Ende alle nur Tote sind, dann hat es auch keine Schuld mehr gegeben. Dann ist Auschwitz nur eine Fussnote, dann ist Pozner, der vergast wurde, nicht anders zu beurteilen als Schiendick, der den Vergasern zugearbeitet hat. Es ist die Logik jedes Täters, der sich nach 1945 in Deutschland einrichten will: Schwamm drüber, wir sind doch alle Menschen.
Kehlmann lässt diese Stimme nicht stehen. Während Schiendick spricht, wird es „kaum merklich dunkler“, ein „störender Ton“ schwillt an wie eine Schiffssirene, und am Ende übertönt das Horn ihn vollständig. Das Stück nimmt ihm das Wort. Die Sirene der St. Louis — jenes Schiffs, das er als Erfüllungsgehilfe begleitet hat — überlebt seinen Versuch, die Geschichte harmlos zu machen. Sie ist lauter als seine Beschwichtigung.
Schiendick zweifelt am Ende sogar selbst: „Wenn es Gott gibt — und wer weiss, vielleicht gibt es ihn ja wirklich — dann liebt er sogar Otto Schiendick.“ Das ist kein Glaube, das ist eine Bitte. Er, der sein Leben lang stolz war, „seine Arbeit gemacht“ zu haben, hofft im letzten Moment doch noch auf eine Gnade, die er anderen nicht zugestanden hat. Aber genau in dem Augenblick, in dem er sich verteidigt, schliesst sich das Bild. Kehlmann antwortet nicht. Er lässt das Schiffshorn antworten.